Logo

Urheimische Notizen
Website Dr. Pandalis

Griechenland: Apotheken-Ketten, Arzneimittel aus dem Supermarkt

Die neoliberalen wirtschaftspolitischen Eingriffe der EU-Troika am „lebenden Patienten“ Griechenland steigern die Besorgnis selbst deutscher Unternehmer. So wird jetzt auch das Apothekensystem Griechenlands „liberalisiert“ und dabei zum Beispiel die Bildung großer Apothekenketten durch internationale Investoren ermöglicht. Es ist zu erwarten, daß die hierbei entstehenden Oligopole – nach kurzen wettbewerbsbedingten Kostensenkungen – die Arzneimittelpreise erheblich ansteigen lassen, befürchtet die deutsche „Apotheker Zeitung“ [1].

Verhindert wird die Kettenbildung durch das auch in Deutschland bestehende Verbot, daß ein Apotheker mehr als drei oder vier Apotheken besitzt („Mehrbesitzverbot“). Die Leichtfertigkeit, mit der die EU-Troika dieses begründete Verbot jetzt in Griechenland kippt, läßt deutsche Apotheker daran zweifeln, ob die EU – anders als immer wieder beteuert – das Mehrbesitzverbot in Deutschland wirklich erhalten will. Die Abschaffung würde viele Apotheker in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohen [2].

Doch die in Griechenland durchzuführenden „Reformen“ im Arzneimittelmarkt führen zu noch viel schlimmeren „Blüten“: Rezeptfreie, also nicht verordnungsfähige Arzneimittel sollen in Zukunft auch in Supermärkten verkauft werden dürfen. Also ganz ohne jede Kontrolle durch Ärzte oder Apotheker, nur getrieben durch Werbung. Damit wird ein Wunschtraum der pharmazeutischen Industrie wahr – nämlich ihre Produkte direkt an die Endverbraucher verkaufen zu können. Der Gesundheit der Menschen dient dies nicht, wie die Entwicklungen in anderen „liberalisierten“ Ländern zeigen, sondern nur der finanziellen „Gesundheit“ der Konzerneigentümer.

Griechenland: Garten Eden der Artenvielfalt

Solche Fehlentwicklungen im griechischen Gesundheitswesen sollten unbedingt verhindert werden. Die Übernahme von Strukturen angeblich vorbildlicher anderer Gesundheitssysteme in Europa führt zu jenen eklatanten Kostensteigerungen für Patienten und Gesellschaft, die in Deutschland immer neue Gesetze – vergeblich – bekämpfen sollen. Die im europäischen Vergleich einstmals beste Gesundheit und Lebenserwartung der Griechinnen und Griechen wird durch die geplante Liberalisierung des Gesundheitswesens signifikant verschlechtert [3].

Eine bedeutende Alternative, deren Einsatz auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO gefordert wird, ist die Heilpflanzen-Therapie (Phytotherapie) [4]. Gerade in Griechenland existiert seit Jahrtausenden eine reichhaltige, ausführlich schriftlich dokumentierte und bis heute tradierte Kultur der Heilpflanzen-Anwendung. Vor allem natürlich bei älteren Menschen oder in vielen orthodoxen Klöstern, aber auch bei vielen jüngeren Menschen. Nirgendwo sonst in Europa werden beispielsweise derartig viele verschiedene Heilpflanzen wie auf den Heilpflanzen-Märkten im Zentrum von Thessaloniki verkauft. In Studien wurden Heilpflanzen aus mehr als 170 verschiedenen Pflanzen-Gattungen dokumentiert [5]. Zudem zählt Griechenland bis heute zu jenen Ländern, in denen ungewöhnlich viele Heilpflanzen vorkommen. So zeigte ein großes europäisches Forschungsprojekt unter Beteilung vieler europäischer Universitäten erst kürzlich, daß Griechenland wegen der Vielfalt geographischer und klimatischer Zonen sowie der vielen isolierten Lebensregionen (Ägäis Inselwelten) zu den artenreichsten Ländern Europas überhaupt zählt (von 5.752 gezählten Pflanzenarten kommen 1.278 ausschließlich in Griechenland vor) [6]. Diese Schätze aus Vergangenheit und Gegenwart sollten nicht leichtfertig auf dem Altar der Liberalisierung geopfert werden. Die Naturmedizin ist nämlich nicht nur für Griechenland eine hoffnungsvolle Alternative, sondern auch für die Gesundheit der Menschen in ganz Europa.

  1. NN: Mit deutschem Mehrbesitzmodell gegen Ketten. Apotheker Zeitung. 2015 Jul 20;31(30):1/8.
  2. Ahlheim C: Griechenland ist überall. Apotheker Zeitung. 2015 Jul 20;31(30):1.
  3. OECD/European Union: Health at a Glance: Europe 2014. OECD Publishing, Paris, Dec. 2014 (DOI: 10.1787/health_glance_eur-2014-en).
  4. NN: WHO traditional medicine strategy: 2014-2023. World Health Organization, Geneva, 2013 (ISBN: 978-9-241506-09-0).
  5. Hanlidou E, Karousou R, Kleftoyanni V, Kokkini S: The herbal market of Thessaloniki (N Greece) and its relation to the ethnobotanical tradition. J Ethnopharmacol. 2004 Apr;91(2-3):281-99.
  6. Dimopoulos P, Raus T, Bergmeier E, Constantinidis T, Iatrou G, Kokkini S, Strid A, Tzanoudakis D :Vascular Plants of Greece: An annotated checklist. Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem (Berlin) & Hellenic Botanical Society (Athen), 2013 (ISBN: 978-3-921800-88-1).

print

© Dr. Pandalis Urheimische Medizin GmbH und Co. KG, 2015